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Karlsruher Gespräche 2019

Die Stadt: Heimat der Minderheiten

 

Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba

Referent

Foto: Mathias Heyde

Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba ist ehemaliger Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) sowie Mitglied der Deutschen UNCESCO-Kommission und ihres Expertenkomitees „Immaterielles Kulturerbe“. 1994-2015 war er Professor für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und geschäftsführender Direktor des Instituts für Europäische Ethnologie; 2011-2013 fungierte er als geschäftsführender Direktor des Georg-Simmel-Zentrums für Metropolenforschung. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des europäischen Nationalstaats, ethnische Identitäten und Geschichtspolitik, aber auch globale Entwicklungen in Metropolen, Mobilität und Migrationsbewegungen der Gegenwart. Er ist Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Gremien von Fachzeitschriften wie Geschichte und Gesellschaft in Deutschland, L’Homme in Frankreich oder Folklore Studies in China. Er veröffentlichte unter anderem Die Überwindung der Distanz. Zeit und Raum in der Europäischen Moderne (2004), Urban Spaces after Socialism. Ethnographies of Public Spaces in Eurasian Cities (2011) und Einführung in die Europäische Ethnologie (Hg., 2012).

 

Statements

1. Welche Bereiche des Zusammenlebens (Wirtschaft, Politik, Gesellschaft) sind Ihrer Meinung nach am stärksten von einem Mangel an Verantwortungsübernahme betroffen?

Würde ich keinen der drei Bereiche bei der Verantwortungslosigkeit ausnehmen: Die Politik verweigert trotz und wegen der Globalisierungsängste jede gesellschaftlich visionäre Zukunftsdebatte. Die Wirtschaft vermeidet systematisch soziale Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen wie ökologische Nachhaltigkeitsdebatten. Und die Gesellschaft zeigt sich zumindest zwiespältig: Einerseits befangen in populistischen Fragmentierungen und Differenzen, andererseits auf dem positiven Wege in die Zivilgesellschaft.

 

2. Sehen Sie einen anhaltenden Trend dahingehend, dass demokratische Mehrheiten immer öfter unsere Werte einer toleranten Gesellschaft abwählen? Wenn ja, wie ist damit umzugehen?

Es fehlt eine intensive Debatte über das Verhältnis von individueller Freiheit und gemeinschaftlicher Verantwortung in Politik und Medien. Und dies in einer Gesellschaft, die immer mehr zu einer ‚Gesellschaft der Lebensstile‘ wird, in der politische Schnittmengen und kulturelle Gemeinsamkeiten nicht mehr einfach gegeben sind. Da versagt Politik als Navigatorin wie als Moderatorin fast auf der ganzen Linie. Und auch die selbsternannten gesellschaftlichen Eliten blamieren sich da kräftig.

 

3. Welche Umstände stehen Ihrer Ansicht nach der Übernahme von Verantwortung entgegen? Ist der Hauptgrund hierfür in einem Verlust von sicher geglaubten Werten, Normen und Regelungen zu suchen?

Die gegenwärtige Fragmentierung und Spaltung der Gesellschaft hat gewiss auch mit Verunsicherung zu tun. Diese scheint jedoch weniger aus konkreten und gemeinsamen Erfahrungen zu stammen, als vielmehr aus den gezielten Debatten und Kampagnen in unseren ‚hysterischen Zeiten‘.
Dazu tragen nicht nur die Gaulands und Trumps, sondern auch deutsche Innenminister bei, wenn sie die Migration beispielsweise bedrohlich als die ‚Mutter all unserer Probleme‘ bezeichnen, statt sie zivilisationsgeschichtlich als die ‚Mutter von Gesellschaft‘ anzuerkennen.

 

4. Wo fängt Ihrer Meinung nach die Verantwortung der Wissenschaft gegenüber den Auswirkungen ihrer Forschung an und wo hört sie auf (z.B. ‚Genmanipulation an Embryonen in China‘ oder ‚Forschung an Künstlicher Intelligenz‘)?

Die Wissenschaft muss generell den Umgang mit ihren Forschungsfragen wie Forschungsergebnissen sehr viel weiter hinein in gesellschaftliche Bereiche begleiten; von der wirtschaftlichen über die medizinische bis zur gesellschaftlichen Nutzung. Nur so können auch Wissenschafts- und Forschungsfreiheit ernsthaft verteidigt werden. Insofern sind die Zeiten des akademischen Elfenbeinturms ein für alle Mal vorbei. Dies haben jedoch leider noch längst nicht alle Kolleginnen und Kollegen erkannt.