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Karlsruher Gespräche 2011

Ins Netz gegangen? Google-Kulturen global

Joseph Cheng

Referent

 

Joseph Cheng

Professor Joseph Yu-shek Cheng ist seit 1992 Lehrstuhlinhaber der Politikwissenschaften und Koordinator des Forschungsprojekts Contemporay China an der City University of Hong Kong. Zuvor unterrichtete er an der Chinesischen Universität Hongkong (1977-1989) und dem Open Learning Institute of Hong Kong (1989-1991). Von 1991 bis 1992 war er Vollzeitmitglied der beratenden Central Policy Unit der Regierung Hongkongs. Er besitzt akademische Grade der Universität Hong Kong, der neuseeländischen Victoria-Universität Wellington und der südaustralischen Flinders-Universität. Er ist Gründungsverleger der Fachzeitschriften Hong Kong Journal of Social Sciences sowie The Journal of Comparative Asian Development; außerdem bekleidete er von 2005 bis 2007 das Amt des Gründungsvorsitzenden der Asian Studies Association of Hong Kong.

Zu seinen Forschungsinteressen gehören die chinesische Außen- und Innenpolitik, die politische Entwicklung Hongkongs, die Lokalregierung in Guangdong und die internationalen Beziehungen im asiatisch-pazifischen Raum.

Cheng hat intensiv über die politische Entwicklung in China und Hongkong, die chinesische Außenpolitik und lokale Regierungen in Südchina publiziert. In den letzten Jahren gab er folgende Bücher heraus: Challenges and Policy Programmes of China’s new Leadership und The Hong Kong Special Administrative Region in Its First Decade.

Das ZAK bat Prof. Dr. Joseph Cheng folgende Fragen zu beantworten:

1.    Die Zukunft unserer Wissensgesellschaft – ist das Internet die Quelle einer Informationsüberflutung oder bereitet es den Boden für eine neue Wissensgesellschaft?

Das Internet ist offensichtlich ein sehr mächtiges Werkzeug, das die menschlichen Fähigkeiten zur Informationsverarbeitung erheblich verbessert. In absehbarer Zukunft wird die Technik in der Lage sein, menschliche Gehirne an Computer anzuschließen, eine bedeutende Eigenschaft in der Welt der Zukunft.  Das Internet ist heute außerdem das effektivste Kommunikationsmittel und wird es auch in absehbarer Zukunft bleiben. Es trägt wahrscheinlich am meisten zur Globalisierung und Dezentralisierung bei und formt so die Gliederung unserer wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Aktivitäten.  Ein mächtiges Werkzeug erfordert angemessene Ausbildung und Anpassung, einschließlich eines Bewusstseins für möglichen Missbrauch und mögliche Gefahren. Schließlich muss sich jeder fragen, was der Wert des Lebens ist und welche Lebensqualität man sich wünscht. Das Internet und andere Werkzeuge können dann zum Erreichen dieser Ziele genutzt werden. Es gibt keinen Zweifel daran, dass das Internet den Boden für eine neue Wissensgesellschaft bereitet und keine Regierung, kein Unternehmen und keine Einzelperson kann es sich leisten, ihm nicht Priorität einzuräumen. Internetkenntnisse sind genauso wichtig wie Sprachkenntnisse und dieser Tage werden sie zu einem wesentlichen Bestandteil der Bildung. Indiens Software-Industrie ist ein guter Indikator dafür, welche Fortschritte ein Entwicklungsland innerhalb einer kurzen Zeitspanne im Bereich der High-Tech-Industrie erreichen kann. Gleichzeitig hat sich im postindustriellen Zeitalter die Kluft zwischen entwickelten und Entwicklungsländern sowie die zwischen Reich und Arm innerhalb eines Landes rapide vergrößert. Die Ausbeutung der Informations- und Kommunikationstechnologie ist eine Ursache für diese Vergrößerung der Kluft, doch auch ein mögliches Werkzeug, um sie zu schließen.

2.    Kann das Internet tatsächlich zu verstärkter Partizipation der Bürger beitragen oder sind die Visionen einer neuen Demokratie im Netz bloße Illusionen?

Menschen sind soziale Lebewesen, deren volles Potential durch soziale Interaktionen erreicht werden kann; deren bedeutendste Form sind Betrachtungen, die die Werte und Prioritäten einer Person bestätigen oder verschieben können.
Demokratie bedeutet sicherlich mehr als alle vier oder fünf Jahre einmal wählen zu gehen. Sie beinhaltet unterschiedliche Formen der Partizipation im Alltag. Das Internet ist ein mächtiges Werkzeug zur Förderung der Informationsverarbeitung und Kommunikation, die beide für eine sinnvolle Partizipation unerlässlich sind. Mit Hilfe des Internets kann man offensichtlich viel einfacher an Diskussionen mit vielen Menschen an zahlreichen Orten teilnehmen. Man kann ganz einfach Treffen, Protestkundgebungen, Unterschriftenaktionen, usw. organisieren. Kurzum, das Internet trägt zur Partizipation bei, die eben das Wesentliche der Demokratie ausmacht. Noch wichtiger, es ist ein einfaches Instrument für jene, denen es an Macht und Ressourcen mangelt. Während die Behörden ihren Beamtenapparat für die Verbreitung ihrer Botschaften und die Mobilisierung von Menschen nutzen können, haben die gewöhnlichen Menschen nun das Internet, um Informationen und Kommunikation miteinander zu suchen. Dieses Werkzeug wird überdies zu einem bedeutenden Teil des Mechanismus der gegenseitigen Kontrolle. Selbst in autoritären Staaten, in denen die Massenmedien streng zensiert werden, erlaubt es das Internet den Menschen, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, so dass die Obrigkeit den Druck der öffentlichen Meinung spürt. Autoritäre Staaten versuchen, das Internet zu kontrollieren, haben jedoch nur bedingt Erfolg. Oft versuchen sie auch, dass Internet zu instrumentalisieren, doch wenigstens haben die gewöhnlichen Menschen ihnen gegenüber dann eine faire Chance.
Während das Internet die Partizipation der Bürger oft erhöht, erfordert sie immer noch menschliche Anstrengung. Viele junge Menschen verbringen im Internet viel mehr Zeit beim Spielen anstatt sich an politischer Kommunikation zu beteiligen. In autoritären Staaten gehört zur Meinungsäußerung oder zur Organisation politischer Aktivitäten über das Internet außerdem noch Mut.