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Karlsruher Gespräche 2012

„Alles in (Un-)Ordnung? Neue Unübersichtlichkeiten in einer globalisierten Welt“

Britt-Marie Drottz-Sjöberg

Referent

 

Zygmunt Bauman

 

Britt-Marie L. Drottz Sjöberg, Jahrgang 1953, schloss ihr Studium 1986 als M.A. an der Universität Göteborg, Fakultät für Psychologie ab. Anschließend leitete sie als Forschungsdirektorin die Projekte „Einstellungen zu Nuklearenergie“ und „Risikowahrnehmung und nuklearer Abfall“ an der Psykologisk Metod AB, Stockholm und promovierte bis 1991 an der Stockholm School of Economics. Sie lehrte an verschiedenen norwegischen Hochschulen, bevor sie auf die Professur für Soziale Psychologie an der Norwegischen Universität Trondheim für Naturwissenschaft und Technologie (NTNU) berufen wurde, wo sie bis heute lehrt. Ihre Studien führten sie 1984 und 1985 an die Universität Amsterdam und von 1987 bis 1988 an die Universität Stanford. Das European Institute for Studies in Management besuchte sie von 1990 bis 1991. Neben ihrer Lehrtätigkeit war Britt-Marie L. Drottz Sjöberg an verschiedenen Projekten der Europäischen Union beteiligt: Von 2006 bis 2007 im Projekt CARGO und von 2006 bis 2009 im Projekt ARGONA. In den Jahren 2007 bis 2009 leitete sie den Forschungsbereich „Risiko Psychologie, Umwelt und Sicherheit“ an der Fakultät für Psychologie an der NTNU. Seit 1984 befasst Britt-Marie L. Drottz Sjöberg sich mit Risikowahrnehmung im Zusammenhang mit Nuklearenergie. Besondere Interessen ihrer Forschung sind Nuklearenergie, Risikowahrnehmung und Nuklearabfall.

 

Das ZAK bat Prof. Dr. Britt-Marie Drottz Sjöberg, folgende Fragen zu beantworten:


1. Hat sich unser Sicherheitsbedürfnis vergrößert oder hat sich lediglich unsere Wahrnehmung von Unsicherheit geändert?

Beide Aspekte scheinen derzeit auf dem Vormarsch zu sein und diese Faktoren werden durch eine dialektische Beziehung zueinander angetrieben. Wahrnehmungen werden beispielsweise von der Verfügbarkeit von Informationen und von Reaktionen anderer beeinflusst. Sowohl seelische Bedürfnisse als auch Sicherheitsbedürfnisse, über die auf verbindlichere Art entschieden wird, sind miteinander verknüpft und produzieren abwechselnd Ursache und Wirkung. Es ist möglich, dass die gegenwärtigen Generationen in Bezug auf die Risiken zuvor unübertroffener menschlicher Errungenschaften und Lebensbedingungen aufgeklärter sind, und daher einer ähnlichen Situation ausgesetzt sind, wie Damokles unter dem Schwert.


2. Inwiefern nehmen Überlagerungen von unterschiedlichen Risiken zu? Ist ein Dominoeffekt erkennbar?

Die gesellschaftliche Entwicklung bringt in einem immer zunehmenderen Maß unverzichtbare gegenseitige Vernetzungen mit sich, die die grundlegenden gesellschaftlichen Strukturen und das menschliche Wohlergehen lenken oder damit in Verbindung stehen. Diese Vernetzungen können von verschiedenen technologischen Standpunkten aus beschrieben werden, so aus der Perspektive des sozialen und kulturellen Zusammenspiels, etc., wie auch auf der Basis umfassenderer Versuche, das Zusammenspiel zwischen den Menschen oder der Menschheit und den zur Verfügung stehenden technologischen Komponenten und Systemen. Darüber hinaus hat unsere Zeit ein zunehmendes Bewusstsein für ökologische Systeme entwickelt, wodurch die wertende Perspektive erweitert wurde und nun neben der schon umfangreichen Schnittstelle menschlich-technologischen Zusammenspiels auch Aspekte der ökologischen Qualität einfließen. Der „Dominoeffekt“-Ansatz ist etwas überholt, da er nach linearen Ursache-Wirkung-Beziehungen fahndet und diese vorauszusagen sucht. Komplexe Teilsysteme und die Komplexität von Vernetzungen zwischen größeren Systemen enthalten immer Schwachstellen. Diese Schwachstellen können nur sehr schwer lokalisiert und vorhergesehen werden. Das Wissen um deren Existenz kann Gefühle des Kontrollverlusts, Furcht und Hilflosigkeit entstehen lassen. Die zentralen Herausforderungen unserer Zeit umfassen sicherlich die Verbesserung der Fähigkeit, Schwachstellen des Systems vorherzusagen und technologische sowie politische Mittel zu finden, um die Risiken zu bewältigen.


3. Sollte angesichts der aktuellen Krisensituation mehr Entscheidungsautorität an europäische Einrichtungen/Organe verlagert werden?

Meiner Meinung nach bietet die Europäische Union eine außergewöhnliche Gelegenheit, innerhalb der meisten gesellschaftlichen Arenen Zusammenarbeit und Fortschritt zu gestalten. Europäische Einrichtungen und Organe spielen bereits eine wichtige Rolle in Wirtschaft und Politik, nicht zuletzt bei den Bemühungen, die Standards und Erfordernisse im Umweltbereich zu harmonisieren. Allerdings ist die Union noch relativ jung und die Identität vieler Bürger ist immer noch sehr an lokale Gegebenheiten und spezielle Lebensweisen gebunden. Zu den wichtigsten Herausforderungen scheinen die Stärkung gemeinsamer Interessen und die Entwicklung europäischer Muster der institutionellen Übersicht und Kompetenz zu gehören, während gleichzeitig wichtige Aspekte wie die Förderung der kulturellen Vielfalt, die lokale Beteiligung und die Autorität maßgeblicher politischer Aufgaben unterstützt und entwickelt werden. Es ist meine Hoffnung und ich glaube daran, dass durch zukünftige Strategien eine zunehmende Zusammenarbeit erreicht werden kann, die neue Generationen, Freiwilligkeit und eine fundierte Diskussion über Nutzen und Risiken einschließt.