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Karlsruher Gespräche 2012

„Alles in (Un-)Ordnung? Neue Unübersichtlichkeiten in einer globalisierten Welt“

Zygmunt Bauman

Referent

 

Zygmunt Bauman

 

Prof. Dr. Zygmunt Bauman, Jahrgang 1925, promovierte und habilitierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg an der Universität Warschau. 1968 emigrierte er vorübergehend nach Israel, erhielt jedoch 1971 einen Ruf auf den Lehrstuhl für Soziologie an der University of Leeds, Großbritannien, den er bis 1990 innehatte. 

Er wurde seit Ende der 1980er Jahre vor allem mit Studien über den Zusammenhang zwischen der Kultur der Moderne und dem Totalitarismus  weltweit auch über die Grenzen des Fachs bekannt. Indem Bauman den Holocaust zum integralen – grundsätzlich jederzeit wiederholbaren – Bestandteil der europäischen Moderne erklärte, gelang ihm gleichsam dessen „Historisierung“. 

Bauman erhielt 1989 den Amalfi-Preis sowie 1998 den Theodor-W.-Adorno-Preis. 2010 wurde er mit dem Prinz-von-Asturien-Preis in der Kategorie Kommunikation und Humanwissenschaften (gemeinsam mit Alain Touraine) geehrt. 

Während er in den 1990er Jahren zahlreiche Arbeiten zum Diskurs der Postmoderne vorlegte, befasst er sich heute vor allem mit der neuartigen Kontingenz, die die Lebensverhältnisse der „liquiden“, d. h. „verflüssigten“ Moderne kennzeichnet. Zur Betonung des „flüssigen“ Zustandes der Gegenwart charakterisiert Bauman den Unterschied zwischen der „schweren“ Moderne und der „leichten“ Postmoderne, exemplarisch an dem Phänomen der Macht. Seine neuesten Veröffentlichungen sind Collateral Damage: Social Inequalities in a Global Age (2011), und Culture in a Liquid Modern World (2011).

 

Das ZAK bat Prof. Dr. Zygmunt Bauman, folgende Fragen zu beantworten:

1. Hat sich unser Sicherheitsbedürfnis vergrößert oder hat sich lediglich unsere Wahrnehmung von Unsicherheit geändert?

Beides. Unsere „Wahrnehmung von Unsicherheit“ ist wohl dringlicher und allgegenwärtiger, als die Erinnerungen der früheren Generationen vermuten lassen würden (und besonders die der heutigen älteren Generationen in deren Jugend ‒ die einzigen Menschen, mit deren Empfindungen wir unsere eigenen Erlebnisse sinnvoll vergleichen können), aber es gibt unbestreitbar ein rasch wachsendes Ausmaß an Erfahrungen, das die Ängste der heutigen Zeit verständlich werden lässt. Der Grund für das erstgenannte Phänomen ist die Auflösung von Strukturen und Rahmenbedingungen, die bis vor kurzem noch dauerhaft und zuverlässig schienen (ihre geradezu umfassende „Deregulierung“ durchdringt alle Lebensbereiche auf allen Ebenen) und das immer tiefer gehende Gefühl des Verstoßenseins sowie das darauffolgende wachsende Ungleichgewicht bzw. Missverhältnis zwischen Macht (der Fähigkeit, Dinge zu erledigen) und Politik, die als Werkzeuge für die Entscheidung, was getan werden muss, zur Verfügung stehen. Das zweite Phänomen ist ein echter Zustand der Unkenntnis, was „die Zukunft bringen mag“, zusammen mit einem Gefühl der Machtlosigkeit: die Abwesenheit von Organen, die die Aufgaben erfüllen könnten, die zur Vermeidung und Vorbeugung, geschweige denn zur Verhinderung von Katastrophen notwendig wären.


2. Inwiefern nehmen Überlagerungen von unterschiedlichen Risiken zu? Ist ein Dominoeffekt erkennbar?

Der Eindruck eines „Dominoeffekts“ wurde vor kurzem zu einem hohen (wahrscheinlich ausschlaggebenden) Maß durch das geschaffen, was ich „parasitären Kapitalismus“ genannt habe und der jetzt zu einem neuen „Wirtsorganismus“ treibt, nachdem der/die vorangegangene(n) ausgesaugt und unfruchtbar gemacht wurde(n); am eindrucksvollsten ist dies bei supranationalen Währungsspekulanten zu erkennen, die – wegen der Dummheit, eine „Einheitswährung“ von siebzehn eigenständigen Finanzministern leiten zu lassen - Milliarden mit Börsengeschäften verdienen. Sie machen das „schwächste Glied“ beim Währungsumlauf ausfindig und wandern zum nächsten weiter, sobald die Aussichten auf Gewinne aus dem Verkauf lokaler Vermögenswerte und aus Mitteln, die mit dem Gedanken, die Banken, deren Geld zur Neige geht, zu „rekapitalisieren“, in die angegriffene Lokalität (sprich: Nation/Staat) von außen eingeschenkt werden, vollständig aufgebraucht sind. Was hinter dem scheinbaren „Dominoeffekt" steckt – profitmotivierte Mäander aus dereguliertem, politisch unkontrolliertem Kapital …


3. Sollte angesichts der aktuellen Krisensituation mehr Entscheidungsautorität an europäische Einrichtungen/Organe verlagert werden?

Falls man den Gedanken der Europäischen Union weiterverfolgen möchte, ist dies eine absolute Notwendigkeit. Es wird die Probleme, die aus dem globalen (suprakontinentalen, weltweiten) System aus miteinander verknüpften, doch polyzentrischen Abhängigkeiten und Interessen entstehen, nicht lösen (eine solche nachhaltige, radikale Lösung würde nicht nur europäische, sondern auch globale Einrichtungen/Organe erfordern), aber ohne diese Verlagerung ist keine Verschiebung hin zu einem erträglichen und relativ sicheren Zusammenleben vorstellbar.