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Abstracts der Vorträge

Migration – ein unverzichtbarer Teil unserer Stadtkultur

Prof. Dr. Erol Yildiz

Weil Migrationsbewegungen so alt sind wie die Menschheit, kann die Weltgeschichte auch als Geschichte von Wanderungen gelesen werden. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint die Welt geografisch und politisch in Bewegung geraten zu sein. So ist Migration zugleich Voraussetzung wie Konsequenz und Sinnbild von Globalisierung geworden.

Ein wichtiges Motiv, das vor allem im europäischen und historischen Kontext Wanderungsbewegungen auslöste, war die fortschreitende Industrialisierung. Migrationsbewegungen trieben Verstädterungs- und Urbanisierungsprozesse voran; Stadtentwicklung und Urbanität sind ohne sie nicht denkbar. Kognitive, räumliche und soziale Mobilität ist eine urbane Grunderfahrung und prägt Großstädte seit der Industrialisierung. Urbane Alltagspraxis erscheint als ein migrationssoziologisches Experiment.

Die großen Sprünge in der Entwicklung von Städten sind schon immer einhergegangen mit dem Zuzug von Menschen, die neue Ideen, Sichtweisen und Impulse mitbrachten. Diese und andere Beispiele legen nahe, dass im urbanen Kontext Sesshaftigkeit über mehrere Generationen ein Mythos ist. Mobilitätserfahrungen und die damit verbundene Diversität/Heterogenität sind ein konstitutiver Bestandteil urbaner Kultur. Jede dritte Lebensgeschichte in Großstädten ist mittlerweile eine von Migration geprägte. Infolge geografischer Mobilität dehnen sich Familien und Bekanntenkreise über Ländergrenzen aus, Biografien weisen weltweite Bezüge auf, was als ein „banaler Kosmopolitismus“ (Ulrich Beck) bezeichnet werden kann, eine Art Globalisierung von unten.

Es zeigt sich, dass Städte in der globalisierten Welt Orte sind, an denen die Konfrontation mit (migrationsbedingter) Diversität zum Alltag gehört. Sie sind Orte des Mannigfaltigen und Differenten, an denen sich Funktionssysteme räumlich manifestieren, unterschiedliche Lebensstile, Lebensformen und Milieus entstehen und immer wieder neue öffentliche Umgangsweisen erfunden und erprobt, mithin also urbane Kompetenzen entwickelt werden.

Migrationsprozesse werden auch in Zukunft das Leben in den Städten prägen. Es ist höchste Zeit, sie pragmatisch als urbane Ressourcen zu betrachten. Statt einen Zerfall der Metropolen herbeizureden, scheint eine unverkrampfte, entdramatisierende Sicht auf großstädtische Vielfalt angebracht. Denn gerade diese allumfassende Pluralität garantiert ja die langfristige Anziehungskraft kosmopolitischer Städte.

 

Forensische Ozeanographie

Lorenzo Pezzani

In diesem Vortrag werde ich über forensische Ozeanographie referieren, ein Forschungsprojekt, das ich mitbetreibe und das neue Abbildungs- und Modellbildungstechnologien benutzt, um besondere Fälle der Rechtsverletzung von Migranten auf See zu dokumentieren. Diese neuen Werkzeuge wurden in Kollaboration mit NGOs und Aktivisten entwickelt, die Rechenschaft für den Tod von Migranten an der militarisierten maritimen Grenze Europas fordern.

Aus der Perspektive dieses Projektes erscheint das Mittelmeer als Konfliktarena, in der ein komplexes Feld von Akteuren (Grenzpolizei, Journalisten, maritime Verkehrsspezialisten, transnationale militärische Organisationen, Aktivisten, Migranten) und Abtastungstechnologien (die weit über das klassische Verständnis von Medien als Nachrichtensammlungen hinausgehen und Kameras, Radar, Satelliten, automatisierte Verfolgungssysteme und Datensynthetisierungssysteme beinhalten) in konfliktreicher Weise zu einem System ,regulierter Sichtbarkeit‘ beitragen, in dem Heimlichkeit und Inszenierung Produkte derselben Logik sein können.

 

Reversed Migration: Spaniards Migrating to Morocco

Zakia Abdennebi

Marokkos strategische Lage als Tor Afrikas nach Europa hat immer schon zu einer Diversifizierung der Landesbevölkerung beigetragen. Die marokkanische Bevölkerung setzt sich aus romanischen Völkern, Afrikanern, Arabern und Andalusiern zusammen. Seit seiner frühesten Geschichte hatte Marokko verschiedenste Einwanderer.

Aufgrund von Marokkos vorteilhafter Lage versuchten in den letzten Jahren tausende Marokkaner und subsaharische Afrikaner, durch Marokko nach Europa zu gelangen. Jeder kennt die tragischen Geschichten von den Tausenden im Meer Ertrunkenen, die versucht hatten, Europa in kleinen Booten zu erreichen. In Marokko gibt es Dörfer, die Hunderte ihrer jungen Menschen im Meer verloren haben.

Seit 2007 jedoch begannen wir Geschichten von Marokkanern zu hören, die aus Italien und Spanien zurückkehrten, um bescheidene Geschäfte in ihrem Land zu betreiben, da es in Zeiten der Finanzkrise schwer für sie ist, in diesen Ländern zu arbeiten. Diese Nachrichten waren eine Überraschung für die lokalen Medien. Wie konnten jene Marokkaner so leicht den europäischen Traum aufgeben?

Natürlich gibt es noch andere, die weiterhin versuchen, nach Europa zu gelangen. Aber eine neue Entwicklung ist, dass nun umgekehrt einige Europäer nach Marokko kommen, um der Krise zu entfliehen. Besonders einige Spanier kommen in den Norden von Marokko, um nahe bei Ceuta und Melilla, den spanischen Enklaven, zu sein. Dieser Fall betrifft insbesondere Rentner, deren Einkommen ihnen in Spanien kein besseres Leben bieten kann. So kommen sie nach Marokko, wo die Lebenskosten geringer sind, besonders bezüglich der Wohnsituation.

Manche von ihnen leben in Städten wie Tetuan oder Martil (20 Kilometer von Ceuta), um in Ceuta einzukaufen, wo einige Güter besser und billiger sind. Andere kommen, um als Spanischlehrer, im Bereich Kunst und Tourismus oder als Verkäufer zu arbeiten.

Alles wird in Krisenzeiten akzeptiert und nichts muss letzten Endes stabil sein. Südliche Länder müssen nicht für immer Auswanderer ‚exportieren‘, die Rollen können vertauscht werden und Bemühungen sollten vereint werden, um die Vorteile dieser Veränderungen zu nutzen.

 

Die Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund in den deutschen Medien – ein Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Eine persönliche Einschätzung

Shikiba Babori

Dass es sich bei der deutschen Gesellschaft um eine Einwanderungsgesellschaft handelt, ist in der deutschen Medienlandschaft noch nicht angekommen. Im Bereich Film wird das am deutlichsten sichtbar: Der Schauspieler mit dem russischen Akzent bietet sich schnell für die Rolle des Waffenhändlers an. Sein schwarzer Kollege bekommt die Rolle des Drogendealers.

Im Bereich Hörfunk ist die Situation nicht besser: Einige Sender bieten zwar feste Programme und Sendezeiten für Menschen mit Migrationshintergrund an, darüber hinaus stellt sich aber eine Teilnahme und Mitwirkung für Journalisten und Autoren, die selbst oder deren Eltern aus anderen Kulturen stammen, als eher schwierig dar.

 

The Thin Blue Line

Über die wachsende Abhängigkeit traditioneller Medien von Social Media

Omar Hussein Shoeb

Die Welt, wie wir sie kannten, hat sich ziemlich schnell verändert. Bis vor wenigen Jahren verließen sich die traditionellen Medien auf ihr jahrzehntealtes Verfahren, Nachrichten und Informationen von ihren Journalisten, Reportern, Stringern und Agenturen zu sammeln. Jetzt hat jedes größere internationale oder lokale Nachrichtennetzwerk mindestens eine oder zwei Social-Media-bezogene Sendungen, zusätzlich zu den regulären Social-Media-Nachrichten in den planmäßigen Berichten und Wiederholungen.

Es ist keine Überraschung, dass dieser Trend, der in der Vergangenheit vernachlässigt und heruntergespielt wurde, nun etabliert und gemeinhin akzeptiert ist, bedenkt man die unglaubliche Menge an Informationen, die seit Anfang 2011 verarbeitet wurde, besonders von Ländern im Mittleren Osten und in Nordafrika, die demokratische Umwälzungen erfuhren.

Nichtsdestotrotz bringt diese Umgestaltung medialer Denkweisen neue ethische und logistische Herausforderungen mit sich, sowohl für die Medienindustrie als auch für Social-Media-Nutzer oder Bürgerjournalisten, die nun um die Vorrangstellung in der Informationspräsentation kämpfen.

Dieser Vortrag konzentriert sich am Beispiel der ägyptischen Medien auf das Phänomen, dass mehr als ein Jahr lang die absolute Mehrheit der Fernsehnetzwerke, Zeitungen, Nachrichtenportale und Webseiten ihre Informationen, Nachrichten-Updates und das aktuelle Tagesgeschehen durch Social Media direkt vom Volk bezogen. Wunder und Fluch zugleich, bringen diese die Herausforderungen mit sich, neutral zu bleiben und dem Publikum korrekte Informationen zu präsentieren.

Dies ist eine Wiedergabe meiner eigenen Erfahrungen als Produktionsleiter einer der führenden ägyptischen politischen Talkshows Baladna Bel-Masry (‚Unser Land‘, in ägyptischem Dialekt), die auf der Suche nach Informationen, Nachrichten und Videos direkt aus den betroffenen Gebieten aktiv die Social Media, namentlich Facebook und Twitter, verwendete und daher als ,Stimme der Revolution‘ angesehen wurde.

 

Bilder und Zerrbilder - Massenmedien in der Einwanderungsgesellschaft

Dr. Gualtiero Zambonini

Die Integrationsdebatte verläuft deutschland- und europaweit scheinbar widersprüchlich: Zum einen wird die faktische Evidenz des demografischen Wandels mit dem wachsenden Anteil von Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte in den urbanen Ballungsgebieten weitgehend anerkannt. Dies wird vor allem in Deutschland, aber auch in anderen älteren Einwanderungsländern wie Frankreich, zunehmend als konstitutiver Faktor der Gesellschaft oder gar der Nation angesehen.

Zum anderen ist nach wie vor eine Polarisierung im öffentlichen Raum zu beobachten. Im Blickpunkt stehen weniger die Potenziale als die ,potenziellen Gefahren‘, die in dieser Entwicklung stecken: die Äußerungen von Thilo Sarrazin, Ex-Finanzsenator und Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, zu türkischstämmigen und nordafrikanischen Bürgern in Berlin; ebenso die Diskussion um das neue Buch von Heinz Buschkowsky, Neukölln ist überall, und generell die Debatte über Werte und Grenzen der Toleranz gegenüber strenggläubigen Muslimen. All dies sind Indikatoren einer komplexen Entwicklung, die in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und globaler Konfliktherde die Wechselwirkung zwischen innen- und außenpolitischem Raum potenzieren.

In der Alltagskultur und im zivilgesellschaftlichen Engagement unterschiedlicher Akteure auf lokaler und regionaler Ebene nimmt hingegen ein pragmatischer Zugang Gestalt an: Diese Entwicklung läuft Dramatisierungen und Skandalisierungstendenzen in der Öffentlichkeit entgegen. Es bildet sich ein breites und wirkungsvolles Netzwerk, meistens unter Ausschluss jener Öffentlichkeit, die reflexartig immer wieder auf der Suche nach Belegen ihrer eigenen Befindlichkeit ist.

Die Medien reflektieren diese Widersprüchlichkeit: Sie spitzen auf der einen Seite die Toleranzdebatte zu, indem sie extreme Positionen und Vorkommnisse aufgreifen und immer wieder zu Headlines der Berichterstattung machen. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten öffnen auf der anderen Seite Diskussionsräume für einen unverkrampften Umgang mit Themen und Konflikten der Einwanderungsgesellschaft und sie spiegeln - hauptsächlich in der lokalen Berichterstattung, aber auch im fiktionalen und dokumentarischen Bereich - immer mehr Lebenswirklichkeit als Programmnormalität wider.

Die künftige Integrationsdebatte wird sich voraussichtlich deutschland- und europaweit entlang zweier Grundlinien entfalten: die Bildungsfrage und die Wertedebatte.

Die Politik und auch die Wirtschaft haben längst erkannt, dass der Fachkräftemangel ein wesentliches Problem im globalen Wettkampf ist und bleiben wird. Der Standort Deutschland ist für Hochqualifizierte schon länger im internationalen Vergleich weniger attraktiv geworden. Auch die in Deutschland gut Ausgebildeten versuchen zunehmend im Ausland ihre beruflichen Chancen zu verwirklichen. Dies gilt auch für Hochqualifizierte mit Zuwanderungsgeschichte, die aufgrund ihres bikulturellen Hintergrunds zu einer noch stärkeren Mobilität und Flexibilität neigen. Deutschland muss vor diesem Hintergrund alle seine inneren Potenziale ausschöpfen und nicht zuletzt durch ein freundliches integrationspolitisches Klima zu einem anziehungsstarken Zuwanderungsland für Fachkräfte werden. Die Bildungsfrage wird dadurch zur Schlüsselfrage der Integrations- und Standortpolitik.

Die europäische Öffentlichkeit tut sich schwer, die wachsende Anzahl von Zugewanderten mit islamischen Wurzeln als Normalität in Europa anzuerkennen und differenziert zu betrachten. Dies sorgt für Spannungsfelder. Die Medien greifen diese auf und spitzen sie manchmal gezielt oder ungewollt zu. Die Wertedebatte wird sich immer mehr um die Frage drehen, welches gemeinsame Fundament eine Gesellschaft zusammenhält, die sich ethnisch, kulturell, religiös und durch gruppenspezifische und individuelle Lebensentwürfe immer stärker differenziert. Diese Frage wird keinen Halt an nationalen und/oder kontinentalen Grenzen machen. Die weltweite Vernetzung von Handel und Kommunikation wird unmittelbare Einwirkungen auf Entwicklungsprozesse im Inland und umgekehrt haben: innenpolitische Veränderungen werden in manchen Fällen zeitgleich internationale Auswirkungen zeigen.


Nursemin Sönmez

,Medienvielfalt, anders‘ – Mehr Migrantinnen und Migranten in den Journalismus

Seit über vier Jahren führt die Heinrich-Böll-Stiftung im Rahmen ihrer Studienförderung das Studienstipendienprogramm ,Medienvielfalt, anders‘ für Nachwuchsjournalistinnen und Nachwuchsjournalisten durch. Das Stipendienprogramm will Studierenden mit Migrationsgeschichte und dem Berufswunsch Journalismus die Chance eröffnen, sich gezielter auf den Berufseinstieg vorzubereiten. Es soll Networking, Austausch und Kontakte in den Journalismus ermöglichen und zur Vielfalt in den Medien als Bestandteil einer lebendigen Demokratie beitragen.