Traumfabrik

Traumfabrik Schauburg

Schön Schwarz: Film Noir + Neo Noir

Licht- und Schattenwelten im Wandel der Zeit

TRAUMFABRIK #21 / 2021-22

Schwarz wie die Nacht, wie das Weltall: Film Noir und Neo Noir sind leicht zu erkennen, an ihrem ausgeprägten Stil, den dunklen Bildern und dem Spiel mit Licht und Schatten (ein Erbe des deutschen Filmexpressionismus). Doch das ist mehr als Stilübung oder kurzlebige Mode: die Form entspricht dem Inhalt. Sie erzeugt zuerst eine emotionale und gleichzeitig düstere Stimmung, die dem Optimismus etwa von romantischen Komödien oder der meisten klassischen Western entgegengesetzt ist. Dahinter steht ein seit Ende des 19. Jahrhunderts beschriebenes soziales Phänomen: Anomie - Normverlust und Normenkonflikte, wie sie in Zeiten raschen sozialen Wandels auftreten.

Von Anfang an war Film Noir Genremix. Erst sind es Kriminalfälle und Beziehungen, an deren Ende ein gestörtes Gleichgewicht nicht wiederhergestellt werden kann, denn dieses gibt es nicht mehr. Der Film Noir spielt in einer Gesellschaft, die aus dem Gleichgewicht und in Unordnung geraten ist, zum Beispiel die Gesellschaft der Nachkriegszeit („The Third Man“). Dazu kommt die Aufdeckung von Bruchstellen in der menschlichen Natur („Fight Club“). Antihelden sind hier die Regel: etwa die Privatdetektive Hammetts Sam Spade (in „The Maltese Falcon“) oder Chandlers Philip Marlowe (in „The Big Sleep“), die als Ich-AG nicht nur gegen Normbrecher kämpfen, sondern selbst den Normen der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr entsprechen.

Vorbereitet von den filmischen Neuen Wellen, breitete sich mit der Blütezeit des Neo Noir der 1980er und 90er Jahre die Noir-Stimmung auf weitere Genres aus: Western (kürzlich Tarantinos „The Hateful Eight“), Auftragskillerfilme (wie „Blood Simple“), dystopische Science Fiction (Godards „Alphaville“), und heute nicht wenige Superheldenfilme (vor allem seit Frank Millers Graphic Novel „Batman: The Dark Knight Returns“). Ist also der Film Noir der skeptischen, desillusionierten Postmoderne angemessen? Ist es diejenige Kunstform, die den Modernisierungsschüben des 20. Jahrhunderts mit seinen politischen Umwälzungen folgt?

Filme können Ausdruck des schlechten Gewissens und Unbehagens in einer Gesellschaft sein; im postmodernen Film Noir ist der Überschwang der Moderne einer Ernüchterung gewichen, bis hin zur Desillusionierung, aus der sich neue Realitätsdefinitionen ergeben, eine neue Sicht dessen, was wir als realistisch und real zu akzeptieren bereit sind.

Filme spiegeln die Spektren gesellschaftlicher und psychischer Dispositionen aus verschiedenen Perspektiven. Daher zeigen wir, wie seit über zehn Jahren für die Traumfabrik üblich, Filme verschiedener Themen, Autoren, Zeiten, Kulturen und Subgenres. So lässt sich die erhellende Kraft der dunklen Träume des Film Noir / Neo Noir entdecken.

Vor jedem Film gibt es eine Mikroeinführung, nach dem Film das Angebot eines Kinogesprächs zum zwanglosen Austausch erster Eindrücke, Beobachtungen und Fragen. Die Filmreihe in der Schauburg wird ergänzt durch ein Seminar am ZAK sowie ein öffentliches Filmseminar der AWWK in der Schauburg.

Programm

Studio 1: (Nach)klassischer Film Noir

Sonntag, 31. Oktober 2021, 15 Uhr

Fritz Lang: Das Testament des Dr. Mabuse

D 1933, 124 Min.
Mit Rudolf Klein-Rogge, Otto Wernicke, Oscar Beregi, Gustav Diessl, Theo Lingen.

 

 

Machtergreifungsfilm

 

Psychiatrieprofessor Baum ist von seinem Patienten Dr. Mabuse fasziniert. Doch dieser schreibt manisch in seiner Einzelzelle ein Drehbuch für die Herrschaft des Terrors, während sich ein kriminelles Netzwerk über die Stadt ausbreitet. - Nach dem Verbot seines Films, einer Metapher auf die Machtergreifungsstrategien der Nazis, emigrierte Regisseur Fritz Lang in die USA, wo er ein Hauptvertreter des Film Noir wurde.

 

Sonntag, 7. November 2021, 15 Uhr

John Huston: The Maltese Falcon / Die Spur des Falken

USA 1941, 101 Min.
Vorlage: Dashiell Hammett. Mit Humphrey Bogart, Mary Astor, Peter Lorre, Sidney Greenstreet, Elisha Cook Jr.

 

 

Gewinnmaximierungsdrama / Detektivfilm

 

Die Jagd nach Reichtum wird zum Krieg aller gegen alle. Privatdetektiv Sam Spade riskiert, als Ich-AG zwischen die Fronten von gewissenlosen Glücksrittern und Gesetzeshütern zu geraten. – Das Regiedebüt von John Huston nach dem Hardboiled-Krimi von Dashiell Hammett gilt als idealtypischer Film Noir, mit dem Humphrey Bogart sein Star-Image prägte.

 

 

Sonntag, 14. November 2021, 15 Uhr

Howard Hawks: The Big Sleep / Tote schlafen fest

USA 1946, 116 Min.
Drehbuch: William Faulkner, Leigh Brackett. Vorlage: Raymond Chandler. Musik: Max Steiner. Mit Humphrey Bogart, Lauren Bacall

 

 

Großstadtdschungelthriller / Detektivfilm

 

Privatdetektiv Philip Marlowe zwischen seinem Auftraggeber, dessen zwei hübschen Töchtern, Polizei, Gangstern und anderen zwielichtigen Figuren. Der zweite Hawks-Film (nach „Haben und Nichthaben“) mit Hollywoods coolem Traumpaar Bogart-Bacall, hier getrennt durch Standesunterschiede, wurde zum vielzitierten Los-Angeles-Heimatfilm, berühmt für seinen komplexen Plot.

Sonntag, 21. November 2021, 15 Uhr

Charles Vidor: Gilda

USA 1946, 110 Min.
Mit Rita Hayworth, Glenn Ford, George Macready.

 

 

Dark Romance Gangsterfilm

 

Ein zynischer Falschspieler und der Besitzer eines illegalen Casinos in Buenos Aires freunden sich an – bis Gilda auftaucht. Zwischen Spielern und deutschen Rohstoffschmugglern gibt es bei der Jagd nach Glück und im Geschlechterkrieg nur betrogene Betrüger: wer weiß schon, was der/die andere wirklich denkt, und – wer überlebt? - Rita Hayworth als idealtypische todbringende Femme Fatale. Die strenge Zensur, für die Sexualität Tabu war, wurde mit doppeldeutigen Dialogen umgangen.

 

Sonntag, 28. November 2021, 15 Uhr

Carol Reed: The Third Man / Der dritte  Mann

GB 1949, 108 Min.
Drehbuch: Graham Greene. Musik: Anton Karas. Mit Orson Welles, Joseph Cotten, Alida Valli, Trevor Howard, Paul Hörbiger

 

 

Kontinentaler Nachkriegsfilm

 

Auf der Suche nach seinem Freund Harry Lime gerät Westernautor Holly Martins auf die Spur finsterer Schwarzmarktgeschäfte im kriegszerstörten, demoralisierten, von den Alliierten besetzten Wien nach dem 2. Weltkrieg. Auf dem Riesenrad im Prater erklärt Orson Welles die Philosophie der Kriegsgewinnler. Das stimmungsvolle Zithersolo von Anton Karas eroberte die Hitparaden.

 

Sonntag, 5. Dezember 2021, 15 Uhr

Orson Welles: Touch of Evil / Im Zeichen des Bösen

USA 1958, 111 Min.
Mit Orson Welles, Charlton Heston, Janet Leigh, Marlene Dietrich

 

 

Rabenschwarzes Bad Cop Movie

 

Mit zweifelhaften, notfalls auch kriminellen Methoden versucht der fremdenfeindliche Polizeicaptain Hank Quinlan an der Grenze zu Mexiko, Verbrecher zur Strecke zu bringen. Seine Autorität wird ausgerechnet von einem mexikanischen Staatsanwalt in Frage gestellt. – In seiner letzten Hollywoodregie gelang Orson Welles ein Höhepunkt der schwarzen Serie, angereichert durch einen Gastauftritt von Marlene Dietrich als Hellseherin.

 

Studio 2: Postmoderner Neo Noir

Sonntag, 12. Dezember 2021, 15 Uhr

Jean-Luc Godard: Alphaville / Lemmy Caution gegen Alpha 60

35mm, OmU. F 1965, 99 Min.
Musik: Paul Misraki. Mit Eddie Constantine, Anna Karina, Akim Tamiroff, Howard Vernon.


 

Romantischer SciFi-Noir Thriller

 

Eddie Constantine wurde als Lemmy Caution zum Star der B-Pictures. In seinem einzigen Science-Fiction-Film schickt ihn Regisseur Jean-Luc Godard in die futuristische Stadt Alphaville, wo der Supercomputer des Professors von Braun die Gefühle der Einwohner reguliert. - Die Nouvelle Vague verehrte die B-Pictures des Film Noir. Godards Film ist ein frühes Beispiel für dystopischen SciFi-Noir – 18 Jahre vor „Blade Runner“.

 

Sonntag, 19. Dezember 2021, 15 Uhr

Martin Scorsese: Taxi Driver

USA 1976, 35mm, dt. 114 Min.
Drehbuch: Paul Schrader. Musik: Bernard Herrmann. Mit Robert De Niro, Harvey Keitel, Cybill Shepherd, Jodie Foster.

 

 

Großstädtischer Vietnamveteranenfilm

 

In seinen schlaflosen Nächten fährt Vietnamveteran Travis Bickle als Taxifahrer durch New York: für ihn ein unmoralisches Sündenbabel. Zurückgewiesen von einer attraktiven Wahlkampfhelferin aus besseren Verhältnissen, versucht er die minderjährige Prostituierte Iris vor ihrem Zuhälter zu retten.- Mit seiner meisterhaften Charakterstudie schuf Regisseur Martin Scorsese einen Höhepunkt des New Hollywood in Idealbesetzung.

 

Sonntag, 16. Januar 2022, 15 Uhr

Bertrand Tavernier: Coup de torchon / Der Saustall

35mm, dt. F 1981, 128 Min.
Vorlage: Jim Thompson. Musik: Alain Sarde. Mit Philippe Noiret, Isabelle Huppert, Stéphane Audran, Eddy Mitchell.

 

 

Makabrer Kolonialer Polizeifilm

 

Jim Thompson war einer der schwärzesten Krimiautoren der „schwarzen Serie“. Regisseur Tavernier verlegt den Schauplatz von den Südstaaten der USA ins koloniale Französisch-Afrika. Mit Philippe Noiret als gedemütigtem Polizeivertreter voller schwarzem, makabrem Humor – auch als das Blutbad schon begonnen hat…

 

Sonntag, 23. Januar 2022, 15 Uhr

Joel & Ethan Coen: Blood Simple

Director’s Cut, restaurierte 4K-Fassung. USA 1984, 96 Min.
Mit Frances McDormand, M. Emmett Walsh, Dan Hedaya

 

 

Texas Noir / Detektivfilm

 

Die Unabhängigkeitserklärung der USA garantiert die Jagd nach dem Glück: Pursuit of Happiness, hier in Texas, zeigt das Dilemma des Kapitalismus: Was sind Gesetze und Ehrlichkeit wert, wenn Geld, Gier und Eifersucht ins Spiel kommen? - Das Filmwerk der Coen Brothers ist eine Bestandsaufnahme des American Dream heute; in ihrem makabren Debütfilm übertragen sie den Geist von Dashiell Hammett aus den (nicht ganz so goldenen) 20ern in die (nicht ganz so prosperierenden) 80er Jahre.

 

Sonntag, 30. Januar 2022, 15 Uhr

David Fincher: Fight Club

35mm, dt. USA 1999, 139 Min.
Vorlage: Chuck Palahniuk. Musik: The Dust Brothers. Mit Brad Pitt, Edward Norton, Helena Bonham Carter, Meat Loaf, Jared Leto.

 

 

Globalisierungs-Psychothriller

 

Was in der Globalisierung trägt noch die Zivilisation? Job, Konsum, Versicherungen, Kredite, Selbsthilfegruppen – und Seife. Doch im Getriebe des geordneten Lebens knirscht der Sand, wenn Tyler ins Spiel kommt. - Schizophrenie wird zur Metapher für die Gespaltenheit unserer Zeit der schlaflosen Nächte, als sarkastischer Alptraum inszeniert von Ex-Werbefilmer David Fincher („Seven“).

 

Sonntag, 6. Februar, 15 Uhr

Christopher Nolan: The Dark Knight

4K DCP. USA/GB 2008, 152 Min.
Drehbuch: Jonathan und Christopher Nolan. Musik: Hans Zimmer. Mit Heath Ledger, Christian Bale, Gary Oldman, Aaron Eckhart, Michael Caine, Morgan Freeman.

 

 

Düsterer Superhelden Action Thriller

 

Der Millionär als gut trainierter Supermann, zugleich Vigilante und ambivalenter Antiheld – seit ihn Bob Kane 1939 schuf, hat Batman das Zeug zum Film Noir. Seit Frank Millers „Dark Knight“ und Tim Burtons „Batman“ wurde er nochmals deutlich düsterer. Christopher und Jonathan Nolan führen die Erzähltradition ins 21. Jahrhundert weiter – mit Heath Ledger als psychopathischem Bösewicht Joker.

 

Sonntag, 13. Februar 2022, 15 Uhr

Quentin Tarantino: The Hateful Eight

70mm-Superpanavision. USA 2015, 187 Min.
Musik: Ennio Morricone. Mit Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Walton Goggins, Jennifer Jason Leigh, Michael Madsen, Bruce Dern, Channing Tatum.

 

 

Mystery Western Noir Kammerspiel

 

Fast nichts ist, was es scheint, jeder hat seine dunklen Seiten, dazu Fake News und Lügen, bis sich die Balken des Blockhauses biegen: Tarantinos Rachewestern stellte schon vor der Wahl von Trump die Frage nach dem Erbe von Abraham Lincoln und gibt darauf eine makabre Antwort. – Horror-Kammerspiel mit Spitzenbesetzung, vor dem Hintergrund des latent weiterschwelenden amerikanischen Bürgerkriegs. Im originalen Super-Panavision-Format auf der Todd-AO-Bildwand ein Filmgenuß der Extraklasse.

 

 

Änderungen sind nicht beabsichtigt, müssen wir uns jedoch ausdrücklich vorbehalten! Laufzeiten der Filme können abweichen.

Die Vorstellungen finden statt im:
Filmtheater Schauburg
Marienstr. 16
76137 Karlsruhe

Eintritt: 9,50 Euro / ermäßigt 8 Euro / SeminarteilnehmerInnen 6 Euro

Die Traumfabrik ist eine Filmreihe kuratiert von Wolfgang Petroll (Traumfabrik), Herbert Born (Schauburg), Jens Görisch (ZAK). Alle Filme mit Mikro-Einführung von Wolfgang Petroll (ZAK) und Kinogespräch.

Mit freundlicher Unterstützung der Georg-Fricker-Stiftung.