Walter Zimmerli - Referent des Colloquium Fundamentale im SS 2004 "Bildung im 21. Jahrhundert"

Der Professor für Philosophie Dr. Walther Ch. Zimmerli war drei Jahre lang Präsident der Universität Witten-Herdecke und ist seit 2002 Gründungspräsident der Volkswagen AutoUni in Wolfsburg. Im Rahmen des Colloquium Fundamentale "Bildung im 21. Jahrhundert" im Sommersemester 2004 hielt er einen Vortrag über das Thema "Wirtschaft und Bildung - keine Gegensätze mehr?". Im Interview mit unserem Mitarbeiter Daniel Maiterth sprach er anschließend über die notwendigen Änderungen am deutschen Hochschulsystem sowie über das Konzept der Volkswagen AutoUni in Wolfsburg.

Ein Gespräch mit Dr. Walther Ch. Zimmerli
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Dr. Walther Zimmerli bei der Konferenz "Schlüsselqualifikationen an Technischen Universitäten" im Jahr 2006.

Sehr geehrter Herr Zimmerli. Große Unternehmen - wie beispielsweise Volkswagen - nehmen die Ausbildung ihres Personals verstärkt selbst in die Hand, da sie von der Qualität der akademischen Ausbildung in Deutschland nicht mehr überzeugt sind. Wo sehen Sie die Probleme an den Universitäten?
Das Hochschulsystem in Deutschland krankt daran, dass es im Grunde ein Monopolanbietersystem ist, d.h. wir haben mit wenigen Ausnahmen ausschließlich staatliche Hochschulen auf dem Hochschulmarkt. Das bedeutet, dass echte Konkurrenz zwischen den Institutionen eigentlich kaum entsteht. Diese versuchen wir jetzt mühsam mit den Hochschulrankings, die wir seit zehn Jahren machen, einzuführen. Aber das wäre ungefähr so, als wenn sie ein Benchmarking zwischen unterschiedlichen Servicestationen der DB machen würden und dann sagen: "Wenn sie Eisenbahn fahren wollen, dann tun sie das doch bitte am allerbesten am Hauptbahnhof in Leipzig." Das macht keinen großen Sinn, weil das Serviceangebot überall gleich ist. Also mit anderen Worten: Ebenso, wie die DB um echte Privatisierung kämpft und das nicht richtig hinkriegt, wird das deutsche Universitätssystem bleiben wie es ist, solange keine echte Konkurrenz unter den deutschen Universitäten auftritt. Und das kann nur passieren, wenn sie eben Anbieter haben, die andere Trägerschaften, andere Strukturen und andere Geschäftsmodelle haben.

Eines dieser Konzepte ist die Volkswagen AutoUni in Wolfsburg. Dort wird neben verschiedenen Masterstudiengängen vor allem die wissenschaftliche Weiterbildung im Mittelpunkt der Lehre stehen. Kommen gerade hier die staatlichen Universitäten ihren Aufgaben nicht nach?
Die Weiterbildung ist in Deutschland ja traditionell schon von den Unternehmen in einem grauen, oder sagen wir besser, außerhochschulischen Markt betrieben worden. Bisher gilt in den Hochschulen immer noch die Maxime: "Die grundständige Ausbildung, das ist das Richtige. Die akademische weniger wertvolle Weiterbildung, das ist zweitrangig, das sollen andere machen, nicht akademisch-forschende Personen." Hier ist die Wertung in den USA genau andersrum. Alle Undergraduate Studies gelten akademisch nicht so viel wie die Graduate und Post-Graduate-Studies. Deutschland zeichnet sich im Gegensatz zu Hochschulen im Ausland dadurch aus, dass die Weiterbildungsaktivitäten noch nie zu den zentralen hochschulischen Aktivitäten gehört haben. Was ich sehr schade finde, vor allem angesichts der Tatsache, dass sich die Hochschulen damit das einzige Feld entgehen lassen, in dem sie schon jetzt laut der gesetzlichen Grundlage ordentlich Gebühren verlangen und sich mit diesem Geld refinanzieren könnten. Und deswegen ist es vielleicht ganz hilfreich zu merken, dass sich die Wirtschaft in stärkerem Maße gerade jetzt dieses Sektors der Weiterbildung annimmt.

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Dr. Walther Zimmerli bei der Konferenz "Schlüsselqualifikationen an Technischen Universitäten" im Jahr 2006.

In eine andere wichtige bildungspolitische Angelegenheit ist inzwischen Bewegung gekommen. Im Rahmen der Schaffung eines europäischen Hochschulraumes haben die deutschen Hochschulen begonnen, ihre Strukturen auf das neue B.A./M.A.-Modell umzustellen. Wie bewerten sie diese neuen Studienstrukturen?
Die dienen dem Zweck eine weitere strukturelle Schwäche des deutschen Hochschulsystems, das früher eine Stärke war, zu beheben. Das deutsche Hochschulsystem war im 19. Jahrhundert ja sehr erfolgreich. Dieses an den Namen Humboldt gekoppelte Hochschulsystem hatte die Konzeption "Studium durch Forschung". Dabei ist dann übersehen worden, dass in der Phase, in der die akademische Ausbildung zu einer Berufsausbildung geworden ist, ganz andere Erfordernisse an das Studium gestellt werden, weil eben nicht Jeder von Beruf später Forscher werden wird. Das sind vielleicht 10 Prozent oder noch weniger, und für die anderen müssen eben andere Formen des Studienangebots entwickelt werden. Daher wird die B.A./M.A.-Einführung diese Schwäche des deutschen Hochschulsystems kompensieren. Der erste berufsqualifizierende Abschluss dient genau der Befriedung einer für die Wissensgesellschaft qualifizierenden Hochschulausbildung, die aber nicht in eine akademische oder wissenschaftliche Forschungslaufbahn mündet. Ich beurteile das also ausgesprochen positiv. Es hat außerdem den positiven Effekt, dass unsere Abschlüsse international vergleichbar werden; dass wir diese ewigen Umrechnereien nicht mehr haben.

Kommen wir zu dem Konzept der Volkswagen AutoUni in Wolfsburg. Können sie uns dieses bitte kurz vorstellen?
Die Volkswagen AutoUni ist der in dieser Form erstmalige Versuch eines Unternehmens, nicht nur in die unternehmensinterne Weiterbildung zu investieren, sondern dieses auch mit einem akademischen Anspruch zu verbinden - d.h. eine eigene Hochschule zu betreiben, die akademische Grade verleiht und Forschung betreibt. Und da ein Wirtschaftsunternehmen wie VW ja auch ein bisschen Marktanalyse macht und Bescheid weiß, wo es sich zu investieren lohnt, wird bei uns auch keine Business School oder ähnliches gemacht, sondern es wird in etwa investiert, wo ganz wenige oder gar keine Anbieter unterwegs sind, nämlich einerseits im Bereich der postgraduierten Ausbildung und andererseits natürlich nicht in den Bereichen der disziplinären Weiterbildung, sondern im Bereich der disziplinenübergreifenden Weiterbildung. Das trifft in der Tat ein Bedürfnis, das unsere Hochschulen schlecht oder gar nicht befriedigen. Und das ist das Bedürfnis nach akademisch strukturierter, transdisziplinärer, thematisch orientierter Masterstudiengänge. In diesem Bereich bewegt sich die Volkswagen AutoUni, und sie tut dies, indem sie ein zentrales Themenfeld besetzt, das in dieser Form auch noch von keiner anderen Hochschule besetzt wird, nämlich das Themenfeld Mobilität. Von diesem Themenfeld aus werden weitere disziplinenübergreifende Studiengänge von benachbarten Gebieten angeboten, z. B. aus den Gebieten Nachhaltigkeit, Führung, Dienstleistung und Gesundheit.

Wie autonom wird die Volkswagen AutoUni diese Ziele verfolgen können? Befürchten Sie nicht, dass sie sich den strengen Anforderungen des Arbeitsmarktes unterwerfen muss?
Auf diese Frage, die das Ideologem der akademischen Freiheit betrifft, reagiere ich relativ offensiv: Wir haben dabei nämlich vergessen, dass dieses Recht, denn als solches steht dieses Ideologem immerhin in unserer Verfassung, ursprünglich ein Staatsabwehrrecht ist. Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes ist von seinen Vätern eingeführt worden, um zu verhindern, dass erneut eine Gleichschaltung von Wissenschaft durch den Staat passieren kann, wie das im 3. Reich geschehen ist. Das wird häufig vergessen. Denn seit den 60er Jahren ist es in der Bundesrepublik als ein Abwehrrecht, oder eine Abwehrpflicht, gegenüber wirtschaftlicher Beeinflussung verstanden worden. Und vor diesem Hintergrund wirkt das natürlich ein bisschen anders, als wenn man sagt, staatliche Universitäten sind per Definition frei. Sie sind per Definition abhängig, nämlich von dem, was der Staat gerne von der Wissenschaft möchte. Und da mal so ein bisschen Gegengas zu geben, indem sie sagen, wir machen mal ein paar Hochschulen, die sich stärker am Markt orientieren. Dann hätte man vielleicht die Chance, weniger am Arbeitsmarkt vorbei zu produzieren, wie es die staatlichen Hochschulen tun.

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Dr. Walther Zimmerli bei der Konferenz "Schlüsselqualifikationen an Technischen Universitäten" im Jahr 2006.
Die Volkswagen AutoUni sieht Kooperationen mit anderen Universitäten vor. Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?
Alle Universitäten kooperieren potentiell mit allen Universitäten. In unserem Fall sehen die Kooperationen allerdings ein bisschen anders aus, als wir sie von staatlichen Hochschulen in Deutschland kennen. Wir fahren die Hochschule mit einem relativ geringen eigenem akademischen Standpersonal. Dadurch können wir uns erlauben, sehr wählerisch zu sein und uns weltweit die besten Leute für bestimmte Leistungen einzukaufen. Konkret gesagt: Wenn wir jemanden haben, der ein fantastischer Betriebswirt ist und großartige Lehrveranstaltungen über Buchhaltung machen kann, dann würde jede betriebswirtschaftliche Vernunft verbieten, hundert Prozent dieses Mannes einzukaufen, wenn er das andere nicht so gut kann. Wir haben aber aufgrund einer in Deutschland relativ typischen Entwicklung, die eine Weile lang auch sehr erfolgreich war, das Lebenszeitbeamtentum für Professoren erfunden. Das heißt, unser Dienstrecht zwingt uns, wenn wir in ein Restaurant gehen und ein Tellergericht essen wollen, immer das ganze Restaurant zu kaufen. Und das ist ökonomisch gesehen natürlich Unfug. Es ist richtig, dass wir, um Kontinuität zu gewährleisten, einen gewissen Stamm von Standpersonal brauchen und das Sie drumherum dann ein fluktuierendes System oder Netzwerk von Dozierenden haben, die wir aus anderen Hochschulen - aber nicht nur aus Hochschulen, sondern auch aus Industrieunternehmen - rekrutieren.

An der AutoUni studieren kann nur, wer bereits ein Erststudium abgeschlossen und gezielte Zugangstests bestanden hat. Was für Leute suchen sie denn?
Also, das ist ganz einfach: Wir suchen auch hier die Besten, das ist wie bei den Lehrenden. Und die Besten definieren sich dadurch, dass sie selbstverständlich über fachliche Qualifikationen und Sprachfähigkeiten - wir haben ja ein zweisprachiges System, bei uns wird in Englisch und in Deutsch unterrichtet - verfügen und die üblichen Tests in überdurchschnittlicher Weise absolvieren. Aber darüber hinaus gibt es ein eintägiges Assessment, in dem wir stärker auf Persönlichkeitsmerkmale achten als auf kognitive Merkmale. Und wir hoffen, dass wir daraus die zukünftigen Führungspersönlichkeiten nicht nur dieses Konzerns, sondern mehrerer Unternehmen, rekrutieren.

Herr Zimmerli, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.