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Karlsruher Gespräche 2019 - Abstracts

 

Brexit und ‚Global Britain‘: Eine historische Perspektive auf die britische Migration

Prof. Dr. Tanja Bueltmann

Auch wenn im Kontext des Brexit immer wieder der Slogan ‚Global Britain‘ auftaucht, zieht es Menschen aus den Nationen des Vereinigten Königreichs seit Jahrhunderten in die Ferne. Während der Massenmigration im 19. Jahrhundert gingen Millionen von Bürgerinnen und Bürgern Großbritanniens in ferne Länder, als Abenteurer, Wirtschaftsmigranten, Exilierte. Und genau wie die Migrantinnen und Migranten heute brachten sie ihre Fähigkeiten, ihre Sprache und ihre kulturellen Praktiken mit. In diesem breiteren Kontext untersucht dieser Vortrag die wichtigsten Aspekte der britischen Migrationsgeschichte von ca. 1707 bis 1920. Der Vortrag konzentriert sich insbesondere auf migrantische Netzwerke und Verbände, um zu analysieren, wie britische Migrantinnen und Migranten in ihrer neuen Welt heimisch wurden und welchen Beitrag sie dort leisteten. Im Zeitalter des Brexit, in dem Migrantinnen und Migranten ein zentrales Thema des populistischen Othering (‚Veranderung‘) sind, bietet diese historische Perspektive einen wichtigen Kontext für unsere Deutung der heutigen britischen Identitätspolitik.

 

Die Stadt: Heimat der Minderheiten

Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba

In der Moderne sind es die Städte, vor allem die großen Städte, die zu Zentren und Lebenswelten minoritärer Gruppen und Kulturstile werden. Denn nur hier können sozial und kulturell ‚anders‘ orientierte Akteure und Lebensweisen jene kritische Masse und soziale Geltung erreichen, die sie zu ihrer öffentlichen Konstitution und für ihr dauerhaftes Überleben benötigen. Deshalb sind die europäischen Metropolen auch ebenso nachhaltig von Minderheitenkulturen geprägt, wie sie stets ihrerseits und umgekehrt die Minderheiten als typisch urbane und kosmopolitane Kulturformationen prägten. Entstanden ist daraus jene Verbindung von kultureller Vielfalt, sozialer Offenheit und politischer Freiheit, die städtisches Leben heute so nachhaltig als migrations- und zivilgesellschaftliches Projekt charakterisiert. Und die es vor allem für junge Erwachsene als freier Raum für eigene Lebensstile und Lebensentwürfe so attraktiv macht. Insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten haben urbane Gruppen dabei auch mehr und neue Verantwortung für das Gemeinwesen und das Gemeinwohl übernommen und dabei auch mehr kommunale Teilhabe eingefordert.
Diese positive Entwicklung scheint nun jedoch bedroht durch eine Politik der sozialen Spaltung, die vor allem von rechts betrieben wird und die gegen diese offene Stadtgesellschaft polemisiert. Gegen das ‚Volksfremde‘ der Migrantinnen und Migranten, der Homosexuellen, der ‚heimatlosen Kosmopoliten‘ und der ‚korrupten Lügenpresse‘. Es droht eine Umkehrung des historischen Stadt-Land-Verhältnisses, in dem stets die sozialen Veränderungen und neuen Freiheiten in den Städten den Kurs in die gesellschaftliche Zukunft bestimmten. Der Vortrag argumentiert daher, dass gegen diese gleichsam kulturrevisionistische Politik, die sich ganz konkret auch gegen kommunale Initiativen und kulturelle Einrichtungen wendet, entschlossen und gemeinsam angegangen werden muss.

 

Können globale Herausforderungen globale Aufmerksamkeit erzeugen?

Cristina Manzano

Trotz der Bemühungen der Vereinten Nationen, die Sustainable Development Goals (Ziele für nachhaltige Entwicklung) zu einer wirklich universellen Agenda zu machen, gibt es in Bezug auf Wissensstand und Bewusstsein enorme Unterschiede zwischen den unterschiedlichen weltweiten Zielgruppen.
Dies ist nur ein Beispiel für die Schwierigkeit, eine globale Zielgruppe aufzubauen, obwohl es vollkommen eindeutig – und allgemein akzeptiert – ist, dass sich die globalen Herausforderungen schon aufgrund ihres schieren Ausmaßes nur mit globalen Mitteln angehen lassen.
Es gibt dafür mehrere Erklärungsansätze: die traditionelle Verbreitung lokaler und nationaler Nachrichten, die oft auf mehr Interesse stoßen als internationale Themen, die existenzielle Krise der Medienbranche, das Aufkommen von Social Media, die Rolle von Fake News und Desinformation und der damit verbundene Verlust von Vertrauen in Medienorganisationen, eine fragmentierte Medienlandschaft, die Auflehnung gegen Experten …
Aber Technologien und neue Kommunikationsmittel haben auch Fürsprecherinnen und Fürsprecher hervorgebracht, die dazu beitragen, ein globales Bewusstsein für spezifische globale Herausforderungen zu schaffen. Traditionelle und neue Medien können und müssen eine wichtige Rolle dabei spielen, diese Fürsprecherinnen und Fürsprecher zu identifizieren und ihnen eine Stimme zu geben. Gleichzeitig sind Bürgerinnen und Bürger sowie Gesellschaften keine passiven Akteure mehr; sie haben die Mittel und die Verpflichtung, eine aktive Rolle dabei zu spielen, die Einstellung gegenüber globalen Herausforderungen zu ändern.

 

Ist Europa noch zu retten?

Prof. Dr. Olaf Schwencke

Daran will ich einleitend erinnern: Am 19. Februar 1945 ‚schworen‘ die Überlebenden im Konzentrationslager Buchenwald/Weimar, Deportierte aus allen von Deutschen besetzten Ländern, wenige Tage vorher von amerikanischen Soldaten befreit, „zu kämpfen für eine Welt des Friedens und der Freiheit und der Demokratie“. Diese Welt ist in Europa die Wirklichkeit – seit über 70 Jahren. Wird sie es bleiben? Haben wir eine stabile und verlässliche Verantwortungsgesellschaft? Wächst nicht zugleich der Nationalismus, auch in Mitgliedsländern der EU? Setzt sich nicht wirtschaftlicher und politischer Protektionismus auch innerhalb Europas durch? Ist eine Abschottungspolitik vor allem gegen Migrantinnen und Migranten und andere ‚Fremde‘ nicht weitgehend konstatierbar? Und allgemein: Ist nicht im Prozess der Globalisierung nachlassende Wirkungskraft von gesellschaftlicher Gemeinschaft und Institutionen feststellbar? Ein fataler symptomatischer Tatbestand im Bereich der Politik: Laut Wahlprogramm will eine deutsche Partei, die Alternative für Deutschland (AfD), das Europäische Parlament (EP) abschaffen! Es, das EP, ist seit seiner Direktwahl (1979) Garant für Demokratie; es setzt Maßstäbe für Freiheit und Freizügigkeit, sichert die Gewaltenteilung, die Rechtsstaatlichkeit (Vertrag von Lissabon) und fördert den Wohlstand für alle Bürgerinnen und Bürger der 27 Mitgliedstaaten. Ohne frei gewählte Parlamente gibt es keine Demokratie, keine Freiheit und Rechtsstaatlichkeit – darin hat das EP über Europa hinaus globale Verantwortung wahrzunehmen! Mit der Erinnerung an den ‚Schwur von Buchenwald‘ sollte an das kostbare Gut von Freiheit und Demokratie gemahnt werden. Dafür sind wir verantwortlich.

 

Die Überwindung von kultureller Distanz in der internationalen Entwicklung: Top-down und Bottom-up Nord-Süd-Perspektiven.

Prof. Dr. J.P. Singh

Ein zentrales Anliegen der internationalen Entwicklung ist die Kluft zwischen den Entwicklungspraktiken, wie internationale Organisationen sie sich vorstellen, und dem Alltag der Menschen in den Entwicklungsländern. Diese Präsentation zeigt drei Möglichkeiten auf, wie sich diese Kluft je nach Grad der Partizipation, des Paternalismus und des Pragmatismus in globalen Governance-Prozessen verringert oder vergrößert. Die UNESCO vertritt einen aufgeklärten Humanismus, der sich bei näherem Hinsehen als paternalistisch und unpraktisch erweist. Auch der Hauptansatz der Welthandelsorganisation (WTO) in Bezug auf die Entwicklungsländer war paternalistisch und resultierte trotz partizipatorischen Drucks seitens der Wirtschaftsakteure der Entwicklungsländer in nicht wechselseitigen Leistungen. Die Weltbank ist am ehesten in der Lage, mit pragmatischen und partizipativen Ansätzen die global-lokale kulturelle Distanz zu verringern, auch wenn dies nicht immer der Fall ist. Die Präsentation beinhaltet qualitative und quantitative Nachweise dieser drei internationalen Organisationen.

 

Die moralische Verantwortung von Unternehmen

Prof. Dr. N. Craig Smith

Wir sind stets schnell bereit, Unternehmen die Schuld für bestimmte Missetaten anzulasten – VW für den Abgasskandal oder BP für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Aber sollten wir das wirklich tun? Können wir ein Unternehmen oder eine andere Geschäftseinheit als moralischen Agenten identifizieren, der beabsichtigt handelt und für seine Entscheidungen verantwortlich gemacht werden kann? Kann ein Unternehmen autonom handeln, moralische Urteile bilden und auf diese Urteile aktiv reagieren? Oder sollten wir stattdessen davon ausgehen, dass die Verantwortlichkeit allein bei den beteiligten Personen liegt? Auf Basis seines Buches The Moral Responsibility of Firms (mit Eric W. Orts, 2017) untersucht Smith Argumente für und wider das Konzept einer moralischen Handlungsfähigkeit von Unternehmen, einschließlich verschiedener rechtlicher Positionen (z.B. Deutschland vs. USA) und der Implikationen unserer Schlussfolgerungen bezüglich dieser Frage.

 

Verantwortungspolitik: Eine Antwort auf die Demokratiekrise

Prof. Dr. Timothy Snyder

Das Ende des Kalten Krieges schien mit dem endgültigen Sieg der liberalen Demokratie einherzugehen. Beobachter verkündeten das ‚Ende der Geschichte‘ und blickten zuversichtlich auf eine friedliche, globalisierte Zukunft. Diese Zuversicht war fehl am Platz. Der Autoritarismus kehrte nach Russland zurück als Putin faschistische Konzepte einführte, um die Herrschaft der Reichen zu rechtfertigen. In den 2010er-Jahren breiteten sich diese Konzepte von Osten nach Westen aus, unterstützt durch die kriegerischen Übergriffe Russlands auf die Ukraine und den Cyberkrieg in Europa und den USA. Überall fand Russland unter den Nationalisten, Oligarchen und Radikalen Verbündete und sein Streben danach, westliche Institutionen, Staaten und Werte zu zerstören, stieß im Westen auf Resonanz. Der Aufstieg des Populismus, das britische Votum gegen die EU und die Wahl von Donald Trump – all das waren russische Ziele, und dass sie erreicht wurden, offenbart, wie verwundbar die westlichen Gesellschaften sind. Snyder schaut hinter die Schlagzeilen und deckt das wahre Wesen der Bedrohung für Demokratie und Justiz auf. Wer verstehen will, welche Herausforderungen sich dabei stellen, der muss die grundlegenden politischen Tugenden, die die Tradition uns bietet und die die Zukunft einfordert, im Blick haben und möglicherweise erneuern. Snyder demonstriert, welche enorm wichtigen Entscheidungen wir zu treffen haben – Gleichheit oder Oligarchie, Individualität oder Totalität, Wahrheit oder Lüge –, untersucht, auf welchen Grundlagen unser Lebensstil aufbaut und zeigt uns auf, wie wir diese Zeit schrecklicher Unsicherheit hinter uns lassen können.

 

Jugend für Europa! – aktives Engagement und Verantwortung

Tobias Uelpenich

Frieden, Freizügigkeit, Sicherheit, Wohlstand – auf diese Säulen baut das Zusammenleben unserer Zeit, die untrennbar mit der Europäischen Union verbunden sind. Doch die politischen Entwicklungen in den einzelnen Mitgliedstaaten zeigen: die EU steckt in einer Krise! Brexit, Abschottung und Populismus sind prägende Begriffe, die verdeutlichen, dass die Tendenzen zur Abkehr von der europäischen Idee zunehmen. Die gemeinsame Werteunion scheint zu zerbrechen! Um das Fortbestehen und die Stärke der Union zu sichern, wird es Zeit, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv für die Union zu engagieren.
Der Vortrag zeigt die Möglichkeiten des aktiven politischen Engagements am Beispiel der im Oktober 2018 gegründeten pro-europäischen Partei Young European Spirit (!YES) auf. Auch wenn sich das Attribut ‚Young‘ im Namen der Partei auf den ‚European Spirit‘ bezieht, sind auch die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger der Partei selbst mit gerade einmal 22 und 23 Jahren jung. Welche Möglichkeiten, Chancen, aber auch Herausforderungen bringt die Gründung einer Partei mit sich? Wie kommen junge Menschen dazu, sich politisch zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen? Was hat sich die Partei als Ziel gesetzt? Für diese Fragestellungen steht !YES Modell.

 

‚Schwarze Löcher‘ in der IKT-Architektur und deren Bedeutung für den Menschenhandel gegen Lösegeld

Prof. Dr. Mirjam van Reisen

In den vergangenen zehn Jahren hat sich beim illegalen Menschenhandel eine neue Vorgehensweise herausgebildet, die mit dem Einsatz neuer Technologien verbunden ist. Diese Verbindung ist noch nicht ausreichend bekannt. Die Globalisierung der IKT (Informations- und Kommunikationstechnologie) wird häufig als egalitäre Architektur bezeichnet, die das Leben der Menschen überall verbessert oder zumindest das Potenzial dazu hat. Van Reisen vertritt den gegenteiligen Standpunkt und zeigt auf, dass die globale Architektur der IKT, die auf der Dominanz der einseitigen Informationsgesellschaft aufbaut, ‚Schwarze Löcher‘ beinhaltet – soziale Gemeinschaften, die aus verschiedenen Gründen nicht an der Kommunikation, die die IKT ermöglicht, teilhaben. ‚Schwarze Löcher‘ bleiben insofern obskure Orte, als dass sie weder über das Internet noch über soziale Medien oder andere technologische Kommunikationsmittel zugänglich sind; sie haben ihre ganz eigene soziale Dynamik, mit einer Gravitation, die nicht von der IKT beherrscht wird, sich aber dennoch auf deren Existenz bezieht. Van Reisen argumentiert, dass der Menschenhandel gegen Lösegeld aus ‚Schwarzen Löchern‘ hervorgeht und dass das Problem innerhalb eines sozialen Verständnisses von IKT angesprochen werden muss, das auf den ungleichen und differenzierten sozialen Konsequenzen der Einführung der IKT und auf deren unbeabsichtigten Folgen basiert.

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