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Karlsruher Gespräche 2017

Feinde pluralistischer Gesellschaften: Die Jugend und die Herausforderung, die sie darstellt

 

Dr. Tom Junes

Referent

 
Dr. Tom Junes ist Historiker und an der KU Leuven, Belgien, promoviert worden. Er ist Mitglied der Human and Social Studies Foundation in Sofia und derzeit als Gastwissenschaftler am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz tätig. Als Postdoktorand hatte er Stipendien in Warschau, Wien, Budapest, Helsinki, Potsdam, Jena und Sofia. Seine Forschungsschwerpunkte sind die osteuropäische Geschichte, die Geschichte des Kalten Kriegs und die Geschichte der Jugend- und Studentenbewegungen. Er ist Autor von Student Politics in Communist Poland: Generations of Consent and Dissent und hat diverse Arbeiten über verschiedene Themen rund um Studentenproteste in Osteuropa veröffentlicht.

 

Statements

1.Welche „Feinde“ stellen Ihrer Ansicht nach die größte Gefahr für die pluralistische Gesellschaft dar?

Menschen in Führungsrollen, die den Hass zum Normalzustand erklären; Worte und Gedanken richten mehr Schaden an als Kugeln und Bomben, weil sie sich auf unterschiedliche Weise auf die Mentalität der Menschen auswirken – vor allem in pluralistischen Gesellschaften, in denen Unterschiede zwischen den Menschen sichtbarer sind. Wenn Führungspersönlichkeiten die Eigenschaften der Menschen kriminalisieren anstatt das, was sie tun, dann kriminalisieren sie alle Mitglieder einer Gesellschaft, die diese Eigenschaften aufweisen, was letztlich zur Spaltung zwischen den Menschen innerhalb jener Gesellschaft führt.

 

2. Wie kann Ihrer Meinung nach das Vertrauen in Eliten und die Medien wieder gestärkt werden, nachdem sich seit Längerem ein Vertrauensschwund beobachten lässt?

Man kann natürlich Listen mit ‚Feinden‘ aufstellen, aber ein Element, das für meine Begriffe auf solchen Listen nur selten bzw. zu selten auftaucht, ist die Erkenntnis, dass zwischen großen Teilen unserer Gesellschaften inzwischen gewisse Risse entstanden sind, die zunehmend unüberbrückbar erscheinen. Viele Gesellschaften sind entzweit und polarisierend. Die Intoleranz steigt. Zudem ist es verblüffend zu beobachten, wie ein Diskurs um sich greift und Akzeptanz erfährt, der die Einschränkung von Rechten und Freiheiten befürwortet, angeblich um Freiheit, Kultur oder die Zivilisation zu retten. Während sich viele jüngere Analysen, die sich mit dem Aufstieg von Autoritarismus und Illiberalismus befassen, vorwiegend auf die politischen Akteure konzentrieren, sollten wir stattdessen mehr Wert auf das Verständnis dessen legen, was diese Akteure, namentlich die Gesellschaft oder bestimmte Gruppen in der Gesellschaft, antreibt.

 

3. Auf welche Weise kann das Bewusstsein für die Vorteile von Freiheit sowie deren Wertschätzung innerhalb pluralistischer Gesellschaften gesteigert werden – besonders für Menschen, denen Erfahrungen mit Unfreiheit fehlen?

Auch hier würde ich wieder die Medien in die Pflicht nehmen wollen. Ich möchte allerdings auch die Bedeutung der Bildung unterstreichen, vor allem die Rolle der Geisteswissenschaften, die derzeit im Niedergang begriffen sind. Die Geschichtswissenschaft beispielsweise kann uns viel über unsere Gesellschaften lehren, daher ist es von allergrößter Wichtigkeit, gerade dieser Disziplin genügend Aufmerksamkeit zu schenken. Leider müssen wir momentan die umgekehrte Tendenz beobachten. Vor allem in jenen Ländern, die vor noch nicht allzu langer Zeit eine autoritäre Herrschaft erlebt haben, sehen wir, wie eine ‚Politik der Geschichte‘ entsteht, die mehr Schaden anrichtet, als dass sie nützt. Nationalistische Gefühle werden angeheizt, die in bestimmten Bereichen der Gesellschaft für Gefühle der Frustration sorgen, was wiederum die Gräben innerhalb der Gesellschaft vertieft und eine Abschottung nach außen hin fördert.