Ringvorlesung: 50 Jahre Grenzen des Wachstums

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1972 erschien mit The Limits to Growth, dt. Die Grenzen des Wachstums, einer der einflussreichsten Texte des 20. Jahrhunderts.
Im Auftrag des Club of Rome machte der Bericht zum ersten Mal auf die dramatischen weltweiten ökonomischen, ökologischen und sozialen Konsequenzen der westlichen Wachstumsideologie für den globalen industriellen Norden wie den „unterentwickelten“ globalen Süden aufmerksam.
 
Der Text steht am Beginn der Epoche der Umweltbewegungen und der Umweltpolitik in den 1970er Jahren. Aber warum ist es auch 50 Jahre später noch nötig, dass die Fridays for Future-Bewegung auf die nach wie vor unerledigten Anliegen des Club of Rome-Berichts aufmerksam machen muss? Dieses Auseinandertreten von Diskursen und politisch-ökonomischer Realität in Fragen des Wachstums und der Umwelt nimmt die Ringvorlesung aus interdisziplinärer Perspektive in den Blick. Dabei werden aktuelle umweltpolitische Debatten und aktivistische Perspektiven miteinbezogen.

Die Initiative zur Ringvorlesung und die thematische Ausrichtung gehen auf eine Gruppe fortgeschrittener Studierender im Studienfach Europäische Kultur und Ideengeschichte und ein Oberseminar zum Club of Rome-Bericht zurück.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation des Departments für Geschichte am KIT und dem ZAK.

Ringvorlesung: 50 Jahre Grenzen des Wachstums

Perspektiven auf den Club of Rome-Bericht
Zeit: Donnerstags, 16 – 17.30, 14-täglich ab 21. Oktober 2021
Ort: Online über Zoom
Zoom-Meeting beitreten (Meeting-ID: 645 7940 8480, Kenncode: 606410)

 

Veranstaltung offen für alle Interessierten. Für Studierende im Fach Geschichte sowie im Begleitstudium Nachhaltige Entwicklung, ZAK-Zertifikat NATAN oder als Schlüsselqualifikation in Verbindung mit dem Begleitseminar (siehe Anmeldekalender ab Oktober) belegbar als Studienveranstaltung.

21. Oktober 2021

Einführung

Prof. Dr. Rolf-Ulrich Kunze, Professor für Neuere und neueste Geschichte am KIT.
Studierendengruppe des Studiengangs Europäische Kultur und Ideengeschichte (EUKLID)

Einführung (PDF, ca. 450kB [Update 26.10.2021])

4. November 2021

Der Limits to Growth Bericht
Inhalte, Entstehungskontext

Prof. Dr. Erich Zahn, Professor emeritus für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Betriebswirtschaftliche Planung und Strategisches Management der Universität Stuttgart, Mitarbeit am Club of Rome-Bericht ‚Grenzen des Wachstums‘ 1972.

 

Abstract ⊻  

In der Nachkriegszeit erlebten die westlichen Industrieländer eins starken Wirtschaftswachstumes mit einer so noch nicht gekannten Wohlstandsmehrung. Gegen Ende der 60-er Jahre entstand der Verdacht, dass dieses Wachstum zu Lasten der natürlichen
Umwelt erkauft sei. Mit dem Papier „The Predicament of Mankind“ und einer Untersuchung dieser „Problematik“ mit einer geeigneten wissenschaftlichen Methode wollte der COR das Bewusstsein für die erkannte Gefahr schärfen.

Ausgewählt wurde der von Jay W. Forrester (MIT) entwickelte Modellierungsansatz „System Dynamics“, der die Eigenschaften komplexer dynamischer Systeme berücksichtigt und damit ihr besseres Verstehen erlaubt. Das dem COR-Bericht zugrunde liegende Modell generiert keine Prognosen, sondern Szenarien, die zeigen was geschieht, wenn anhaltendes Wachstum auf unserem endlichen Planeten mit dessen Grenzen kollidiert. Der Vortrag geht ein auf die Eignung des Modells für den Untersuchungsgegenstand, die Modellziele, -arbeit und -ergebnisse. Er zieht und reflektiert Schlussfolgerungen und gibt einen Ausblick auf die Notwendigkeit neuen Denkens und von Verhaltensänderungen.

18. November 2021

Umweltgeschichte und Umweltpolitik

Prof. Dr. Joachim Radkau, Professor emeritus für Neuere Geschichte, Schwerpunkt Technik- und Umweltgeschichte der Universität Bielefeld

 

Abstract ⊻  

Leitfragen zum Vortrag:

 

  1. Nächstes Jahr jährt sich die Veröffentlichung des Club of Rome Berichts zum fünfzigsten Mal. Welche Auswirkungen hatte dieser auf die Entwicklung der Umweltgeschichte (als hist. Disziplin)? Lassen sich beispielsweise die Entwicklung der Umweltgeschichte als hist. Disziplin einerseits und umweltgeschichtliche und -politische Entwicklungen andererseits teilweise parallelisieren?
  2. Wahrnehmung der Umweltthematik als lokales oder globales Problem: Hat der COR-Bericht signifikant dazu beigetragen, dass der Umweltschutz bzw. Naturschutz erstmals in einer globalen Perspektive betrachtet wurde?
  3. Sehen Sie Kontinuitäten vom COR-Bericht über die Anti-AKW-Bewegung der 1980er Jahre bis hin zu Fridays for Future?
  4. Umweltgeschichte im Bildungssystem – Inwiefern sollte Umweltgeschichte im Bildungssystem verankert sein?
  5. Wie hat der COR-Bericht Ihren eigenen Werdegang in der Geschichtswissenschaft und Sie als Zeitzeuge beeinflusst?
2. Dezember 2021

Ökonomische Perspektiven auf Wachstum

Für eine Wirtschaft und Gesellschaft innerhalb der planetaren Grenzen braucht es eine
Postwachstumsgesellschaft!

 

Prof. Dr. Angelika Zahrnt, Volkswirtschaftlerin, bis 2007 Vorsitzende des Bund für Naturschutz (BUND), ehemaliges Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung.

 

Abstract ⊻  

Warum dominiert nach 50 Jahren noch das Ziel des unbegrenzten Wirtschaftswachstums in Politik und Gesellschaft? Warum ist das Ziel der Nachhaltigkeit zum nachhaltigen Wachstum mutiert? Warum haben die Erkenntnisse über die planetaren Grenzen der Belastbarkeit der Erde nicht zu einem Um-Denken und vor allem Um-Handeln geführt?

Um diese Fragen und die These, dass eine Abkehr von der Priorität des Wirtschaftswachstums für eine wirksame Umweltpolitik nötig ist und dafür Wirtschaft und Gesellschaft so umgestaltet werden müssen, dass Wachstumsunabhängigkeit und Handlungsfreiheit erreicht werden kann, geht es in diesem Vortrag. Angesichts der sich zuspitzenden und kumulierenden Umweltkrisen geht jetzt um die Transformation zu einer Postwachstumsgesellschaft.

Multiple Grenzen des Wachstums und deren Konsequenzen

 

Prof. Dr. Niko Paech, außerplanmäßiger Professor an der Universität Siegen im Studiengang "Plurale Ökonomik", Vertreter der Postwachstumsökonomie

 

Abstract ⊻  

Der Klimawandel, das Artensterben, die Verknappung jener Ressourcen, auf deren kostengünstiger Verfügbarkeit das industrielle Wohlstandsmodell bislang basierte, Befunde der Glücksforschung, aber ganz besonders auch die Corona-Pandemie zeigen, dass sich die Wachstumsparty ihrem Ende zuneigt. Folglich sind die Möglichkeiten einer Postwachstumsökonomie auszuloten. Demnach ist ein prägnanter Rückbau geldbasierter Versorgungssysteme vonnöten. Suffizienz, moderne Subsisten und kürzere Versorgungsketten werden dann wichtige Gestaltungsoptionen sein. Zudem ist die Postwachstumsökonomie durch Sesshaftigkeit gekennzeichnet, also durch Glück ohne Kerosin.

16. Dezember 2021

Theorie und Praxis: Untätigkeit gegenüber dem Klimawandel obwohl man sich
dessen bewusst ist?

Von der Überwindung der Angst, dem Unterschied von Verzicht und Verlust, von Lösung und Instrument, und von der Aufgabe der Politik

Sylvia Kotting-Uhl, Bis Ende der Legislaturperiode am 26. Oktober 2021 Bundestagsabgeordnete der Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit.


Abstract ⊻

Wissen und Handeln fallen in allen hoch entwickelten Ländern der Welt auseinander, weil, was lange vor Meadows und seinem Team schon Humboldt über das ökologische System und das Zerstörungspotential menschlicher Entwicklung wusste, in keines der „erfolgreichen“ politischen Systeme passt. Es hilft also nicht, die Systemfrage zu stellen. Vielmehr geht es darum, „das gute Leben“ von Mythen der Vergangenheit zu befreien; sich zu fragen, ob Luxusgüter im 21. Jahrhundert nicht ganz andere sind und warum uns bei der Definition von Lebensqualität so viel häufiger Ängste als Sehnsüchte leiten.
Für mich als Politikerin die Kernfrage: Warum scheitert Politik an dieser Aufgabe? Ist es nur die Angst vor Zumutungen oder sind die meisten Politiker*innen zu alt? Was ist überhaupt wessen Aufgabe? Was muss Politik, was kann nur die Gesellschaft und wo wird das Individuum überfordert? Und warum ist die Hoffnung, Forschung und Technologie werden es richten, eine verantwortungslose Fehleinschätzung?!  

 

Die ökologische Krise als narrative Krise

 

Prof. Dr. Guido Palazzo, Professor für Unternehmensethik an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne

 

Abstract ⊻  

«In den nächsten dreißig Jahren müssen wir die gesamte Wirtschafts- und Lebensweise, an die wir uns im Industriezeitalter gewöhnt haben, hinter uns lassen», so Angela Merkel auf dem World Economic Forum im Februar 2020, wenige Tage vor dem Ausbruch der Pandemie in Europa. Aber wie macht man das, seine gesamte Wirtschafts- und Lebensweise hinter sich lassen? Wie fördert man radikalen Wandel, ohne dass die Gesellschaft dabei selbst zerlegt wird? Wie baut man ein Schiff auf dem offenen Meer um? Die Covid-Pandemie gibt nicht viel Hoffnung, dass dieses Unterfangen gelingen kann: Der Konsum hat in vielen Ländern nicht nur das Niveau der Zeit vor der Pandemie wieder erreicht, wir erhöhen das Konsumtempo sogar noch einmal. Wir verstärken etablierte Muster, anstatt sie zu ändern. Warum ist das so? Ich werde eine einfache Hypothese aufstellen: Gesellschaften folgen Erzählungen, nicht den Fakten der Wissenschaftler. Wenn wir die Gesellschaft verändern wollen, müssen wir die derzeitige Krise als eine narrative Krise verstehen, die auch nur narrativ bewältigt werden kann.

 

20. Januar 2022

Der Bericht aus Sicht der Historischen Klimatologie

James Watt kann nichts dafür

 

Prof. Dr. Christian Pfister, Professor emeritus für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte am Historischen Institut der Universität Bern. Freier Forscher am Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern

 

Abstract ⊻  

Als historische Wurzel des heutigen Klimanotstandes gilt üblicherweise die Industrialisierung. Ausgehend von der frühen Diskussion der Grenzen des Wachstums wird aufgezeigt, welches aus heutiger Sicht die tatsächlichen Ursachen sind und warum die Zeitgenossen diese nicht erkennen konnten.

3. Februar 2022

Verantwortung für die Umwelt: Einzelne vs. Gesellschaft

Prof. Dr. Dr. Felix Ekardt, Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik, Leipzig

17. Februar 2022

Abschlussdiskussion: was bleibt heute vom Meadows-Report?

Prof. Dr. Marcus Popplow, Professor für Geschichte mit Schwerpunkt Technikgeschichte am KIT

Prof. Dr. Rafaela Hillerbrand, Professorin für Technikethik und Wissenschaftsphilosophie am KIT