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Rückblick Colloquium Fundamentale 2007

Geistesblitze & Orchideenfächer

Zum Jahr der Geisteswissenschaften sollte durch die Frage nach der Rolle und den Aufgaben der geisteswissenschaftlichen Disziplinen in der heutigen Zeit ein Beitrag geleistet werden.

Wie Prof. Rudolf Stichweh, Rektor der Universität Luzern und Lehrstuhlinhaber für Soziologie, bemerkte, werden Geisteswissenschaften in der Gesellschaft paradoxerweise häufig als rechtfertigungsbedürftig empfunden, obwohl sich diese Wissenschaften gerade mit ihr selbst, nämlich der Gesellschaft, beschäftigen. Der von C. P. Snow in seinem Vortrag „Die zwei Kulturen“ (1959) geprägte Dualismus zwischen kultureller, literarischer Bildung und naturwissenschaftlich-technischem Wissen sowie die angestrebte Stärkung der Naturwissenschaften zur Lösung moderner Probleme regte kontroverse Gedanken der Referenten an.Prof. Gunter Scholtz, Lehrstuhl für Geschichte und Theorie der Geisteswissenschaften an der Uni Bochum, führte einige Argumente für eine Hervorhebung der Geisteswissenschaften an. Sie tragen beispielsweise dazu bei, die durch die Globalisierung entstandene Desorientierung aufzuheben, Brücken zwischen den Kulturen zu schlagen oder demokratische Grundprinzipien zu stärken.

Prof. Angelos Chaniotis, Altertumswissenschaftler am All Souls College/ University of Oxford, gab zu bedenken, dass die unflexiblen Strukturen in der deutschen Hochschulpolitik für kleine Fächer tödlich sind. Teilweise verhindere der deutsche Föderalismus sinnvolle wissenschaftliche Entscheidungen und auch die Forschungsförderung oder die derzeitige Exzellenzinitiative bereiten für die kleinen Fächer ungünstige Wettbewerbskriterien. Dabei seien aber gerade diese Fächer für das Ansehen in einer globalisierten Welt der deutschen Hochschulen wichtig und haben mitunter großen Einfluss auf viele andere Disziplinen. Diese Auffassung vertraten auch Minister a. D. Prof. Helmut Engler und Prof. Axel Horstmann (VW-Stiftung). Dennoch ist ein aufblühendes Interesse an einzelnen Orchideenfächern zu beobachten.

Nach Prof. Maurus Reinkowski, Islamwissenschaftler an der Uni Freiburg, gibt es darunter „Wirtschaftsgewinnler“ wie Sinologie bzw. China-Wissenschaft und „Krisengewinnler“ wie die Islamwissenschaft. Eine Diskrepanz besteht bei diesen Fächern jeweils zwischen der sprachwissenschaftlichen Grundlagenforschung und den gegenwartsbezogenen regional- und kulturwissenschaftlichen Ansätzen. Dies zeigte auch Prof. Nicola Spakowski vom Lehrstuhl für Außereuropäische Geschichte der Jacobs University Bremen. Laut Prof. Hermann Glaser, Kulturdezernent der Stadt Nürnberg a. D. sollte man sich auf den Kern der Geisteswissenschaften, nämlich das Fragen an sich sowie die Grundfragen der Philosophie, besinnen. Dazu gehört auch das Bewusstsein über die eigenen Kompetenzen, dessen Mangel Prof. Wolfgang Ullrich, Kunstwissenschaftler an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, konstatierte. Ein Kompetenzbewusstsein müsse bereits im Studium vermittelt werden. Insgesamt war man sich einig, dass das Wissenschaftsjahr zwar die Bedeutung der Geisteswissenschaften vor Augen führen kann, es aber nicht nur bei einem kurzzeitigen Feuerwerk der Geistesblitze bleiben darf.